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Sonntag, 13. September 2026 DE
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Politik

Viola Amherd: Ein Rückblick auf Führung und Vertrauen

Eine sachliche Einordnung ihrer politischen Laufbahn, öffentlicher Verantwortung und der Frage nach Vertrauen.

18. July 2026 · Redaktion amplifixo.info

Schweizer Politikerin vor einem neutralen dunklen Hintergrund

Viola Amherds politische Laufbahn steht für einen langen Übergang von der kantonalen und nationalen Parlamentsarbeit in das Zentrum der Schweizer Landespolitik. Sie prägte insbesondere die Sicherheits- und Verteidigungspolitik, war 2024 Bundespräsidentin und leitete die Schweiz durch eine Zeit, in der Fragen zu Europas Sicherheit, zur Neutralität und zur Rolle der Armee besonders intensiv diskutiert wurden. Amherd gab ihren Rücktritt am 15. Januar 2025 bekannt und schied am 31. März 2025 aus dem Bundesrat aus.

Von Brig-Glis in den Bundesrat

Viola Amherd wurde am 7. Juni 1962 in Brig-Glis im Kanton Wallis geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Rechtsanwältin und Notarin. Ihre politische Laufbahn begann auf kommunaler Ebene in Brig-Glis. Von 2000 bis 2012 war sie Stadtpräsidentin von Brig-Glis.

2005 wurde Amherd für die damalige Christlichdemokratische Volkspartei in den Nationalrat gewählt. Dort beschäftigte sie sich unter anderem mit Fragen der Sicherheit, der Sozialpolitik und der institutionellen Organisation des Staates. Im Dezember 2018 wählte die Vereinigte Bundesversammlung sie in den Bundesrat. Sie war damit die erste Frau aus dem Kanton Wallis in der Landesregierung.

Verantwortung für Verteidigung und Sicherheit

Amherd übernahm Anfang 2019 das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport. Die Arbeit in diesem Departement war von mehreren miteinander verbundenen Herausforderungen geprägt: Die Armee musste ihre langfristige Ausrichtung klären, die Schweiz setzte sich mit neuen sicherheitspolitischen Risiken auseinander, und der Krieg Russlands gegen die Ukraine veränderte die europäische Sicherheitsordnung.

Zu den besonders kontroversen Themen gehörte die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge. Die Schweizer Stimmbevölkerung stimmte 2020 dem Grundsatz zu, bis zu sechs Milliarden Franken für neue Kampfflugzeuge bereitzustellen. Der Bundesrat entschied sich anschliessend für den F-35A. Die Beschaffung blieb politisch umstritten, unter anderem wegen des knappen Abstimmungsergebnisses von 2020, der sicherheitspolitischen Beurteilung und der Frage, wie verbindlich der vereinbarte Preis angesichts internationaler Veränderungen war.

Auch die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit europäischen Staaten wurde neu bewertet. Die Schweiz unterzeichnete 2023 eine Beitrittserklärung zur europäischen Initiative «Sky Shield». Befürworter sahen darin eine Möglichkeit, den Schutz des Luftraums zu verbessern. Kritiker warnten vor einer zu engen sicherheitspolitischen Anbindung an die NATO und stellten die Vereinbarkeit mit der Schweizer Neutralität infrage. Die Debatte zeigte, dass Verteidigungspolitik in der Schweiz nicht nur militärische, sondern auch verfassungsrechtliche und gesellschaftliche Fragen berührt.

Das Präsidialjahr 2024

Amherd wurde für das Jahr 2024 zur Bundespräsidentin gewählt. In dieser Funktion leitete sie die Sitzungen des Bundesrats und vertrat die Schweiz bei offiziellen Anlässen. Internationale Aufmerksamkeit erhielt insbesondere der Gipfel zum Frieden in der Ukraine, den die Schweiz im Juni 2024 auf dem Bürgenstock im Kanton Nidwalden ausrichtete.

Die Konferenz brachte Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Staaten und internationaler Organisationen zusammen. Sie sollte gemeinsame Grundsätze für einen möglichen Friedensprozess diskutieren. Russland nahm nicht teil. Dadurch waren die Erwartungen an konkrete politische Ergebnisse von Beginn an begrenzt. Für die Schweiz war die Konferenz dennoch ein bedeutender Versuch, ihre Rolle als Gastgeberin internationaler Gespräche und als neutraler Staat sichtbar zu machen.

Öffentliche Debatten und Kritik

Amherds Amtszeit war nicht frei von Kritik. Im Zentrum standen die Kosten und der Zeitplan der Armeemodernisierung, die Kommunikation bei grossen Beschaffungsprojekten sowie die Frage, wie die Schweiz auf die veränderte Sicherheitslage reagieren sollte. Während einige politische Kräfte eine stärkere internationale Zusammenarbeit und höhere Verteidigungsfähigkeit verlangten, warnten andere vor einer schrittweisen Aufgabe der Neutralität und vor einer einseitigen Ausrichtung auf militärische Antworten.

Auch die politische Verantwortung für Entscheidungen im Departement wurde wiederholt thematisiert. In einem Kollegialregierungssystem trägt ein Bundesratsmitglied zwar die besondere Verantwortung für das eigene Departement, wichtige Entscheide werden jedoch gemeinsam im Bundesrat getroffen und vom Parlament kontrolliert. Eine faire Beurteilung von Amherds Amtszeit muss deshalb zwischen persönlicher Führung, departementalen Problemen und den institutionellen Grenzen des Schweizer Regierungssystems unterscheiden.

Ein Führungsstil zwischen Sachlichkeit und Zurückhaltung

Amherds öffentlicher Führungsstil wurde häufig als sachorientiert, ruhig und zurückhaltend beschrieben. Diese Eigenschaften können in einem politischen System hilfreich sein, das auf Kompromisse, Kollegialität und schrittweise Entscheidungsfindung angewiesen ist. Eine zurückhaltende Kommunikation kann zudem dazu beitragen, Konflikte nicht unnötig zu verschärfen.

Gleichzeitig verlangt gerade die Sicherheitspolitik eine verständliche Erklärung schwieriger Entscheidungen. Wenn Beschaffungen, Risiken oder internationale Verpflichtungen kompliziert sind, kann Zurückhaltung als fehlende Transparenz wahrgenommen werden. Die zentrale Führungsfrage lautet deshalb nicht, ob eine Politikerin besonders laut auftritt, sondern ob sie Ziele, Zuständigkeiten, Risiken und Grenzen ihrer Entscheidungen nachvollziehbar vermittelt.

Die Bedeutung von Vertrauen

Vertrauen in politische Ämter entsteht nicht allein durch persönliche Beliebtheit. Es beruht auf mehreren Faktoren: auf überprüfbaren Informationen, klarer Verantwortlichkeit, verlässlichen Verfahren und der Bereitschaft, Fehler oder Zielkonflikte offen anzusprechen. Für eine Verteidigungsministerin kommt hinzu, dass viele Informationen aus Sicherheitsgründen nicht vollständig öffentlich gemacht werden können. Gerade dann muss die politische Kontrolle durch Parlament und zuständige Aufsichtsgremien glaubwürdig funktionieren.

Amherds Laufbahn zeigt diese Spannung deutlich. Einerseits steht sie für Kontinuität, institutionelle Erfahrung und die Bereitschaft, schwierige Dossiers über längere Zeit zu bearbeiten. Andererseits führten grosse Projekte und die veränderte europäische Sicherheitslage zu Erwartungen, die eine eindeutige öffentliche Kommunikation besonders wichtig machten. Vertrauen entsteht in solchen Situationen weder durch unkritische Zustimmung noch durch pauschale Ablehnung, sondern durch eine sorgfältige Prüfung von Entscheidungen und Ergebnissen.

Rücktritt und politische Bilanz

Mit ihrem Rücktritt beendete Amherd eine Bundesratszeit von etwas mehr als sechs Jahren. Als Nachfolger wurde Markus Ritter am 12. März 2025 von der Vereinigten Bundesversammlung gewählt; er trat das Amt am 1. April 2025 an. Amherds Ausscheiden markierte damit zugleich einen Wechsel an der Spitze des Verteidigungsdepartements.

Ihre politische Bilanz lässt sich nicht auf ein einzelnes Projekt reduzieren. Amherd war eine prägende Figur der Schweizer Sicherheitsdebatte, leitete 2024 das Präsidialjahr und vertrat die Schweiz bei einer international beachteten Konferenz. Ihre Amtszeit wird zugleich an offenen Fragen gemessen werden: an der künftigen Finanzierung und Ausrichtung der Armee, am Verhältnis zwischen Neutralität und internationaler Kooperation sowie an der Fähigkeit staatlicher Institutionen, in Krisenzeiten Vertrauen zu bewahren.

Eine ausgewogene Einordnung kommt deshalb zu einem differenzierten Ergebnis. Amherd verkörperte einen eher nüchternen und institutionellen Politikstil und übernahm Verantwortung in einem besonders anspruchsvollen Departement. Die Kontroversen ihrer Amtszeit zeigen jedoch, dass politische Führung auch transparente Kommunikation und nachvollziehbare Rechenschaft erfordert. Beides bleibt unabhängig von einzelnen Personen eine dauerhafte Aufgabe des Schweizer Bundesstaats.

Stand der Einordnung: 3. August 2026.